Mit Unterstützung des Kreisverbandes der Arbeiterwohlfahrt Esslingen (Neckar) führten Tobias Kuttler und Mahendra Singh Chouhan vom HiReach-Projektteam der Technischen Universität Berlin zwei Fokusgruppensitzungen mit Geflüchteten in Esslingen und Umgebung durch. Ziel der Sitzungen war es, gemeinsam die Mobilitätsprobleme und -bedürfnisse der Geflüchteten zu diskutieren. Die Sitzungen wurden in eine Männer- und eine Frauengruppe aufgeteilt. Die Sitzungen fanden am 4. und 5. Oktober 2018 statt.

11 Frauen aus verschiedenen Herkunftsländern (Iran, Nigeria, Kamerun, Syrien) nahmen an der zweiten Sitzung am 5. Oktober teil. Alle Teilnehmer wohnten in Esslingen oder in einer der Nachbargemeinden. Die meisten Teilnehmerinnen waren zwischen 20 und 30 Jahre alt, drei jedoch zwischen 40 und 50 Jahren. Die meisten Teilnehmerinnen waren zum Zeitpunkt der Sitzung noch nicht lange in Deutschland, nur zwei der Teilnehmerinnen wohnten länger als zwei Jahre in Deutschland. Drei Teilnehmerinnen waren erst im vergangenen Jahr in Esslingen angekommen.

Alle Teilnehmerinnen nutzten hauptsächlich den öffentlichen Nahverkehr, insbesondere den Bus. Kürzere Strecken in der Stadt legten die Teilnehmerinnen zu Fuß zurück, jedoch nutzten keine der Frauen ein Fahrrad. Keine der Frauen besaß einen Führerschein.

Unter den Teilnehmerinnen herrschte im Allgemeinen eine große Unsicherheit im Umgang mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Nutzung wurde allgemein als schwierig und kompliziert wahrgenommen. Die Teilnehmerinnen fanden das Fahrkarten- und Tarifzonensystem schwer verständlich, sodass es vorkommt, dass sie die falsche Fahrkarte lösen. Hier zeigte sich ein mitunter konfliktbehaftetes Verhältnis der Teilnehmerinnen zu den Schaffnern und Kontrolleuren. Diese seien nicht nachsichtig, sondern verlangten in solchen Fällen das erhöhte Beförderungsentgelt von 60 Euro (von allen Teilnehmerinnen wurde hierfür das Wort „Strafe“ genutzt). Die geflüchteten Frauen aus Afrika erhoben den Vorwurf, dass Schaffner und Kontrolleure gezielt schwarze Personen kontrollierten.

Die hohen Fahrkartenpreise für den ÖPNV in der Region Stuttgart wurden von den Teilnehmerinnen als eines der Hauptprobleme genannt. Die Teilnehmerinnen berichteten, dass sie sich mit Freunden, Freundinnen und Bekannten in anderen Städten und Regionen über die Fahrpreise im ÖPNV austauschten. Sie äußerten ihr Unverständnis darüber, dass die Fahrpreise nicht überall in Deutschland gleich sind. Die Teilnehmerinnen waren auch darüber informiert, dass im Nachbarlandkreis Göppingen und in der Stadt Stuttgart vergünstigte Monatskarten für Personen mit geringen Einkommen angeboten werden. Sie konnten sich aber nicht erklären, wieso die Stadt oder der Landkreis Esslingen ein solches Angebot nicht vorsehe. Eine Teilnehmerin äußerte zudem die Befürchtung, dass die Ticketpreise weiter steigen könnten. Da viele der Frauen mit kleinen Kindern unterwegs sind, fürchten die Teilnehmerinnen die steigenden Kosten, sobald die Kinder das Alter von sechs Jahren erreichen.

Die Teilnehmerinnen äußerten, dass die tägliche Mobilität in Begleitung von Kleinkindern eine Herausforderung darstellt. Einige Teilnehmerinnen berichteten, dass der Umgang mit dem Kinderwagen in öffentlichen Nahverkehrsmitteln nicht einfach sei, so z.B. die Suche nach dem richtigen Abteil im Zug. Eine Teilnehmerin berichtet von einer Situation, als der Zug losgefahren wäre, bevor sie mit dem Kinderwagen in den Zug einsteigen konnte. Auch seien die Sitzplätze in Zügen, wo ein Kinderwagen abgestellt werden kann, oftmals durch andere Fahrgäste belegt. Generell bedauern die Teilnehmerinnen, dass sie in solchen und ähnlichen Situationen wenig Hilfe von anderen Fahrgästen angeboten bekämen.

Zum Zeitpunkt der Sitzung nutzte keine der Frauen ein Fahrrad. Darauf angesprochen betonten einige, dass sie eigentlich Fahrrad fahren könnten, aber es bisher nicht getan hätten, weil sie häufig mit ihren Kindern unterwegs wären, kein eigenes Fahrrad besäßen und die Topographie des Umlandes von Esslingen das Fahrradfahren erschweren würde. Einer Teilnehmerin wurde ein gebrauchtes Fahrrad geschenkt, welches sie intensiv nutzte, bis es nicht mehr funktionstüchtig war. Insgesamt äußerte keine der Teilnehmerinnen grundsätzliche Bedenken gegenüber der Fahrradnutzung, sondern waren demgegnüber sehr aufgeschlossen. Sie würden sich wünschen, dass Fahrrad fahren zu erlernen, wüssten aber niemanden, der es ihnen beibringen könnte.

Diese Mobilitätsprobleme haben somit eine große Auswirkung auf die Chancen und Perspektiven der Geflüchteten. Zwei der größten Herausforderungen der Geflüchteten im Raum Esslingen sind die Arbeits- und Ausbildungssuche, sowie die Anschlussunterbringung in kommunalen oder privaten Unterkünften. Die Arbeits- und Ausbildungssuche gestaltet sich für die Geflüchteten schwierig, da ihnen oftmals die Arbeitserlaubnis fehlt. Die Teilnehmer beklagen die mangelnde Kooperation der Behörden, die Geflüchteten bei der Arbeitssuche aktiv im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu unterstützen. Da die vorhandenen Arbeitsplätze für Geflüchtete im ganzen Raum Stuttgart und darüber hinaus verteilt sind, hängt es auch von den vorhandenen Mobilitätsoptionen ab, ob eine Arbeitsstelle angenommen werden kann oder nicht.

Die zweite derzeitige Herausforderung ist die Anschlussunterbringung der Geflüchteten. Der Gesetzgeber sieht vor, dass die Geflüchteten spätestens nach zwei Jahren aus den Gemeinschaftsunterkünften in eine kommunale oder private Unterkunft umziehen müssen. Nicht alle Gemeinden im Raum Esslingen können jedoch Unterkünfte zu dem Zeitpunkt zur Verfügung stellen, zu dem sie gebraucht werden. Der Raum Esslingen verzeichnet zudem in den letzten Jahren hohe Mietsteigerungen. Somit kommt es vor, dass die Geflüchteten in andere Gemeinden umziehen müssen, weil sie an ihrem ursprünglichen Auftenthaltsort keine Wohnung finden. Wenn keine andere Lösung gefunden werden kann, so müssen Geflüchtete von städtischen Gemeinden in Gemeinden des ländlichen Umlands umziehen. Neben vielen weiteren Herausforderungen haben solche Veränderungen Mobilitätsprobleme zur Folge, da die Anfahrt zur Arbeit und zu Behörden- und Arztterminen, die Versorgung mit Lebensmitteln oder die Fahrt zur Kita oder Schule der Kinder nun erschwert ist. Da nach dem Umzug eine Wohnsitzauflage gilt, kann die betroffene Person oder Familie nicht eigenmächtig den Wohnort wechseln. Die Esslinger Behörden sind sich der Problematik bewusst, und versuchen, den Wohnsitzwechsel insbesondere dann zu vermeiden, wenn die betroffene Person bereits eine Arbeits- oder Ausbildungsstelle hat, oder den Kindern der Wechsel des Kindergartens oder der Schule oder die Anfahrt zur derzeitigen Einrichtung nicht zuzumuten ist. Dies bedeutet jedoch auch, dass der Wohnsitzwechsel oftmals diejenigen trifft, die noch keine Arbeit oder Ausbildung aufgenommen haben. Findet ein Wohnsitzwechsel in eine ländliche Gemeinde mit geringerem ÖPNV-Angebot statt, so kann dies die Suche und die Bewerbung um einen Arbeits- oder Ausbildunsgplatz erschweren.

Die Teilnehmerinnen brachten auch Ideen und Lösungsvorschläge vor. Neben dem Angebot eines Fahrrad-Trainings wünschten sich die Frauen insbesondere ein vergünstigtes Monatsticket, sowie einheitliche Fahrpreise bzw. eine vereinfachte Tarifstruktur.

Wir danken Sybille Hegele, Leiterin des Bereichs Esslingen des Kreisverbandes der AWO Esslingen, und ihrem Team herzlich für ihre Unterstützung.  

Date: 
Friday, April 19, 2019

2. Fokusgruppensitzung zur Alltagsmobilität von geflüchteten Frauen (Esslingen/Neckar)

Events

Share this project

Add new comment

logo_inverse

is loading the page...