Im Rahmen der ersten Feldphase des Projekts HiReach führten Tobias Kuttler und Mahendra Singh Chouhan vom HiReach-Projektteam der Technischen Universität Berlin zwei Fokusgruppensitzungen mit Seniorinnen und Senioren durch. Ziel der Sitzungen war es, gemeinsam die Mobilitätsprobleme und -bedürfnisse von Seniorinnen und Senioren zu diskutieren. Die Sitzungen fanden am 10. und 22. Oktober 2018 in Aichwald und Filderstadt statt. An der Sitzung in Aichwald nahm auch Dr. Martin Schiefelbusch von der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg, Beiratsmitglied des Projekts HiReach, teil.

Sieben Teilnehmerinnen und Teilnehmer nahmen an der Sitzung in Aichwald teil, fünf Männer und zwei Frauen im Alter von 60 bis 88 Jahren. Alle Teilnehmenden wohnten in einem der fünf Ortsteile der Gemeinde Aichwald. Vier der Teilnehmenden waren Aktive im Bürgerbusverein Aichwald, die drei weiteren waren Nutzerinnen und Nutzer des Bürgerbusses. Aichwald ist eine Gemeinde im Umland von Stuttgart, bestehend aus mehreren historischen Ortskernen. Das Wachstum der Gemeinde in den 1970er und 1980er Jahren war hauptsächlich auf das Auto ausgerichtet. Aufgrund diese Siedlungsstrukturentwicklung ist die Nahmobilität der heutigen Senioren zunehmend erschwert.

Die teilnehmenden Seniorinnen und Senioren nutzten im Alltag verschiedene Verkehrsmittel. Die jüngeren männlichen Teilnehmer nutzten überwiegend das eigene Auto und engagierten sich im Bürgerbusverein als Fahrer. Drei der Teilnehmenden nutzten überwiegend den Bürgerbus und den öffentlichen Nahverkehr.

Generell fahren viele Seniorinnen und Senioren in Aichwald ihr eigenes Fahrzeug, auch im hohen Alter. Die Teilnehmenden betonten, dass sie die Freiheit und Unabhängigkeit, welche die PKW-Nutzung ermöglicht, sehr schätzten. Insbesondere die männlichen Teilnehmer betonten, dass sie das Autofahren genießen und auch gerne lange Strecken fahren würden. Der Gedanke, künftig auf das eigene Fahrzeug verzichten zu müssen, bereitete einigen Teilnehmern Sorge.

Diejenigen, die das Fahren des eigenen Fahrzeugs bereits eingeschränkt oder aufgegeben hatten, äußerten, dass es ihnen schwergefallen sei, die Veränderung zu akzeptieren und auf andere Verkehrsmittel umzusteigen. Eine Teilnehmerin – sie hatte sich bewusst dafür entschieden, dass Autofahren aufzugeben - betonte jedoch, dass das Autofahren eine zunehmende Belastung für sie dargestellt hatte. Sie führte dies nicht nur auf die schwindende körperliche Verfassung, sondern auch auf das aggressive Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer zurück. Diese Ansicht wurde von einem autofahrenden Teilnehmer geteilt, der den steigenden Verkehr als Einschränkung seiner Fahrfreude empfand.

Die Seniorinnen und Senioren schätzten die direkte Busverbindung nach Esslingen. Zu manchen Tages- und Wochenzeiten ist das Angebot jedoch nur eingeschränkt, insbesondere im kleinsten Ortsteil Lobenrot. Die Teilnehmenden berichteten jedoch von negativen Nutzungserfahrungen, z.B. wenn die Busse überwiegend mit Schulkindern besetzt sind. Die Seniorinnen und Senioren würden sich von Seiten der anderen Fahrgäste, aber auch von Seiten der Busfahrer, eine höhere Sensibilität für die Bedürfnisse und Einschränkungen älterer Menschen wünschen.

Ein wichtiger Zugewinn für die Mobilität in der Gemeinde Aichwald ist der Bürgerbus, welcher im Jahr mehr als 5000 Fahrgäste befördert. 30 Ehrenamtliche engagieren sich als Fahrer. Der Bürgerbus verbindet die Ortsteile untereinander und ist mit dem Fahrplan der Busse nach Esslingen abgestimmt. Die Teilnehmenden betonten, dass das Angebot des Bürgerbusses in Kombination mit dem ÖPNV es ermögliche, unabhängig vom PKW in Aichwald zu leben. Durch die Unterstützung der Bürgerbusfahrer beim Ein- und Ausstiegen könnten sich nun auch Personen, die auf Unterstützung von Familienmitgliedern und Freunden angewiesen waren, wieder unabhängig fortbewegen. Für diejenigen Teilnehmer, die ein eigenes Fahrzeug fuhren, bedeutete die Existenz des Bürgerbusses, sorgloser in die Zukunft zu blicken. Der Bürgerbusverein unterstützt auch finanzeschwache Einwohnerinnen und Einwohner Aichwalds mit Freifahrten.

Über die Bedeutung für die tägliche Fortbewegung hinaus spielt der Bürgerbus aber auch eine wichtige Rolle für das soziale Gefüge der Gemeinde. Die Seniorinnen und Senioren betonten, dass der Bürgerbus der sozialen Isolation der älteren Menschen entgegenwirke, da er einerseits ermögliche, sich unabhängig fortzubewegen und am sozialen und kulturellen Leben teilzuhaben. Anderseits ist die Fahrt im Bürgerbus selbst ein soziales Ereignis, welches für viele Fahrgäste einen wichtigen Platz in ihrem Wochenrhythmus einnimmt. Die Fahrt im Bürgerbus ist für die Fahrgäste eine willkommene Gelegenheit, alte Gesichter wiederzusehen und neue kennen zu lernen.

Die Seniorinnen und Senioren äußerten viele Verbesserungsvorschläge, insbesondere im Angebot des ÖPNVs und in der Bereitstellung der Informationen über die Angebote. Die Teilnehmer wünschten sich auch eine Ausweitung des Bürgerbus-Angebots, welche jedoch von der Bereitschaft und den Kapazitäten der engagierten Ehrenamtlichen abhängt. Diesbezüglich betonten die Aktiven, dass diesem Engagement Grenzen gesetzt wären, insbesondere wenn es auch zukünftig keine finanzielle Aufwandsentschädigung der öffentlichen Hand für diesen ehrenamtlichen Einsatz gäbe.

Wir bedanken uns beim 1. Vorsitzenden des Bürgerbusvereins Aichwald, Herrn Albert Kamm, und seinem Team herzlich für die Unterstützung.

Date: 
Saturday, April 20, 2019

3. Fokusgruppensitzung zur Mobilität von Seniorinnen und Senioren in Aichwald

Events

Share this project

Add new comment

logo_inverse

is loading the page...