Im Rahmen der ersten Feldphase des Projekts HiReach führten Tobias Kuttler und Mahendra Singh Chouhan vom HiReach-Projektteam der Technischen Universität Berlin zwei Fokusgruppensitzungen mit Seniorinnen und Senioren durch. Ziel der Sitzungen war es, gemeinsam die Mobilitätsprobleme und -bedürfnisse von Seniorinnen und Senioren zu diskutieren. Die Sitzungen fanden am 10. und 22. Oktober 2018 in Aichwald und Filderstadt statt.

Sieben Teilnehmerinnen und Teilnehmer nahmen an der Sitzung in Filderstadt teil, fünf Männer und zwei Frauen, im Alter von 66 bis 85 Jahren. Alle Teilnehmenden wohnten in einem der fünf Stadtteile der Gemeinde Filderstadt. Zwei der Teilnehmenden waren Aktive im ehrenamtlichen Fahrdienst „SUSEMobil“, welcher vom Altenzentren-Förderverein Filderstadt e.V. organisiert wird.

Alle teilnehmenden Seniorinnen und Senioren nutzten hauptsächlich das eigene Auto für die tägliche Mobilität. Nur für Fahrten in die Innenstadt von Stuttgart nutzten sie den Bus und die S-Bahn oder die U-Bahn. Einige Teilnehmer hatten jedoch schon den Fahrdienst „SUSEMobil“ für einzelne Fahrten genutzt. Ein Teilnehmer legte einige Wege mit dem E-Bike zurück.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer berichten von ihrer Bindung zum eigenen PKW, welche mit zunehmenden Alter auch eine Abhängigkeit und eine hohe finanzielle Belastung bedeuteten. Sie betonten, dass die Gewohnheit und der Komfort, jeder Zeit das eigene Auto zur Verfügung zu haben, es ihnen schwermache, auf alternative Fortbewegungsmittel umzusteigen. Diese Alternativen wären unter Senioren oftmals nicht bekannt, oder würden nicht in Betracht gezogen. Auch die Nutzung der heutigen Angebote, wie die Lieferung von Lebensmitteln und Medikamenten an die Haustür, würden nicht wahrgenommen. Die Teilnehmenden wünschten sich bei solchen Fragen mehr Unterstützung und gut aufbereitete Informationen.

Das Festhalten an der Automobilität hat jedoch auch weitere psychologische und soziale Gründe, wie in der Diskussion deutlich wurde. Für die teilnehmenden Seniorinnen und Senioren ist Mobilität gleichzusetzen mit hoher Lebensqualität und Unabhängigkeit. Die Aufgabe des eigenes PKWs kommt daher einem Eingeständnis gleich, dass die eigene körperliche Verfassung und damit die Beweglichkeit und Unabhängigkeit zunehmend eingeschränkt sind. Dies einzusehen und zu akzeptieren, sei nach Aussage der Teilnehmer nicht einfach. Es sei auch schwierig, anderen gegenüber eingestehen zu müssen, Hilfe zu benötigen und diese Hilfe anzunehmen.

In der Generation der heutigen Seniorinnen und Senioren ist es durchaus üblich, dass der männliche Partner die größere oder sogar alleinige Fahrerfahrung besitzt. Eine Teilnehmerin berichtete, dass sie das Autofahren im Alter noch einmal neu erlernte, um ihre Unabhängigkeit zu bewahren.

Gemessen am Komfort und der Flexibilität des PKW für die tägliche Mobilität empfinden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer das Angebot des ÖPNV als nicht ausreichend, um sie zum Umstieg zu bewegen. Zwar sei mit der Anbindung Filderstadts an das S-Bahn-System eine verlässliche Nahverkehrsverbindung geschaffen worden, aber die Frequenz der Busse in Filderstadt sei nicht hoch genug. Auch wurden die Fahrpreise des ÖPNV im Raum Stuttgart also sehr hoch wahrgenommen. Die Fahrrad- und Fußgängermobilität in Filderstadt werde nicht genüg unterstützt, die Fahrradwege seien nicht gut genug ausgebaut und die Fortbewegung für Rollstuhlfahrer in der Stadt sei eine Herausforderung. Insgesamt müsse mehr getan werden, um Autofahrer zum Umstieg auf den ÖPNV zu bewegen. In diesem Zusammenhang wurde das Pilotprojekt des Kreises Ludwigsburg positiv benannt, welches Senioren ein kostenloses Jahresticket für den ÖPNV anbietet, wenn sie ihren Führerschein abgegeben.

Die Teilnehmer betonten, dass sich Filderstadt durch einen hohen sozialen Zusammenhalt auszeichne. Die Nachbarschaftshilfe habe einen hohen Stellenwert in der Gemeinde, dies gelte auch für die Mobilität.

Auch das ehrenamtliche Fahrdienstangebot „SUSEMobil“ ist ein Beispiel für das große soziale Engagement der Bürgerinnen und Bürger Filderstadts. Der Fahrdienst bietet mehrmals die Woche Fahrten zum Einkaufen, zu kulturellen und sozialen Veranstaltungen und anderen Anlässen an. Der Fahrdienst erhält überwältigenden Zuspruch, sodass der Förderverein überlegt, ein weiteres Fahrzeug einzusetzen. Die als Fahrer aktiven Teilnehmer der Sitzung betonten, dass der Fahrdienst eine hohe soziale Bedeutung habe; um den Fahrdienst sei eine große Gemeinschaft von Fahrern und Fahrgästen entstanden. Seniorinnen und Senioren verabreden sich zum gemeinsamen Einkaufen und anderen Veranstaltungen, und das soziale Erlebnis beginne schon mit der gemeinsamen Fahrt im SUSEMobil. Die Bedeutung dieser gemeinsamen Fahrten sei so hoch, dass sogar Autofahrer ihr eigenes Fahrzeug stehen ließen, um mit dem Fahrdienst zu fahren. Gerade für die Hochbetagten sei der Fahrdienst einer der wenigen Möglichkeiten, „aus dem Haus und unter Leute zu kommen“.

Wir bedanken uns bei Karl Praxl und Tino Marling vom Altenzentren-Förderverein Filderstadt e.V. herzlich für die Unterstützung.

Date: 
Sunday, April 21, 2019

4. Fokusgruppensitzung zur Mobilität von Seniorinnen und Senioren in Filderstadt

Events

Share this project

Add new comment

logo_inverse

is loading the page...